München, Oberlandesgericht – ein Kurzbesuch

Donnerstag, 22. Januar, es ist der 177. Tag des NSU-Prozesses.

In der Schlange vor dem Münchner Gerichtsgebäude warten Menschen, die sich für Angehörige der geladenen Zeug_innen angestellt haben. So brauchen die nicht länger als unbedingt nötig in der Kälte zu stehen. Denn es dauert eine Weile, bis alle Beobachter_innen die Sicherheitskontrolle passiert haben. Sämtliches Gepäck bleibt hier unten am Eingang – keine Laptops, keine Taschen, keine Getränke für alle, die ohne Presseausweis erschienen sind.

Die insgesamt 100 Plätze im Zuschauerraum sind heute gefüllt von einer Schulklasse, ein paar Unterstützer_innen aus Köln und Berlin und Journalist_innen, manche von ihnen sind an jedem Prozesstag hier. In dieser Woche steht die Befragung der Zeug_innen an, die das Nagelbombenattentat in der Keupstraße am 9. Juni 2004 miterlebt haben.

Erster Zeuge ist Ali Y. Mit dem Wissen, dass die Attentate lange Jahre als Taten in einem „türkischen Mafiamilieu“ behandelt wurden, in einem Milieu, das die Ermittelnden sich anscheinend als besonders grausam vorstellten, wirkt seine Erzählung bedrückend. Denn er erzählt von einem ganz normalen Tag in einer ganz normalen Straße, in der die Nachbar_innen sich eben kannten. Von einem Friseurbesuch erzählt er, von Gesprächen mit den Jungs von nebenan. Idyllisch wirkt die Keupstraße in seiner Erinnerung: Man trifft sich täglich auf der Straße – und steht sich auch in Katastrophen bei. Denn was Y. beschreibt, ist eine Katastrophe: blutende Menschen, Körper, die auf der Straße liegen, und lang anhaltende Angst, jedes Mal, wenn er ein Fahrrad sieht. Auf einem Fahrrad war die Bombe befestigt worden, die hier explodierte.

Er berichtet von wirtschaftlichen Schäden für die Gewerbetreibenden in der Keupstraße: Nach dem Anschlag sei die mehrheitsdeutsche Kundschaft ausgeblieben. Den Grund sieht er in Vorurteilen, die durch den Anschlag und die Art der Ermittlungen bestärkt wurden. Das Ziel des Anschlags hat Y. schon in seiner ersten Vernehmung direkt nach dem Anschlag vermutet: die Zerstörung der guten Kontakte zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Anders als die Ermittler_innen war er schon damals von einem rechtsextremen Hintergrund überzeugt. Wie Y. werden sich heute noch andere äußern: Er betont zum Abschluss noch einmal das gute Zusammenleben, weist auf seine langjährige deutsche Staatsbürgerschaft hin – als müsste er, der hier als Geschädigter sitzt, seine Staatstreue beweisen.

Als zweite Zeugin wird Frau S. verhört. Bei ihr geht es vor allem um die psychologischen Folgen des Anschlags. Als Hochschwangere war sie mit ihrem Sohn zu Hause gewesen, als die Bombe explodierte. Sie beschreibt bis heute anhaltende Ängste und Panikattacken, die nach dem Anschlag begonnen hatten. S. berichtet, dass sie in Hauskleidung und Pantoffeln, ohne Geld ins Krankenhaus gebracht und nach der Untersuchung einfach dort gelassen wurde. Informationen zu dem Anschlag, zu Möglichkeiten einer psychosozialen Beratung hat sie nicht erhalten. Auch S. erzählt von den zwischenmenschlichen Folgen des Anschlags: Die Nachbar_innen hätten in der Folge Angst verspürt, miteinander über den Anschlag zu reden.

Richter Manfred Götzl fragt detailliert nach – die verfrühte Geburt ihres Kindes kurz nach dem Anschlag, das Gewicht des Kindes, die Panikattacken, alles soll S. im Detail schildern. Und auch die im Anschluss vernommenen Ärzte, die S. damals behandelt haben, werden bis in die Einzelheiten befragt.

Ein weiterer Zeuge, Herr T., beschreibt eingangs seinen Anruf bei der Polizei und die Ruhe und Gelassenheit, mit der dieser angenommen wurde. Er schildert, wie er anderen half, wie die Nachbar_innen sich gegenseitig versorgten und trösteten, weil professionelle Hilfe erst spät eintraf. Dabei sei die Feuerwehr nur zwei Minuten entfernt. So erzählt er, dass er mehrere Freunde aus einem benachbarten Laden holte, darunter einen auf dem Boden liegenden, brennenden Mann. T. berichtet, dass die Polizei sofort auf interne Konflikte abgezielt habe, dass nach der Türsteherszene gefragt wurde. Wie die anderen Befragten glaubt auch T., dass die Art der Ermittlungen zu Angst der Anwohner_innen voreinander geführt habe. Er selbst habe damals Angst gehabt, die Polizei wolle jemandem etwas in die Schuhe schieben. Das Geschehene habe er aber durch viele Gespräche mit Freunden verarbeiten können – im Gegensatz zu einem Freund, der sich im Jahr 2012 erhängt habe. Zu seinen anderen Problemen sei das Attentat hinzugekommen, glaubt T.

Anders als Herr T. erzählt die nächste Zeugin, Frau T., sie habe mit niemandem sprechen können. Bis heute habe sie das Erlebte verdrängt. Nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln habe sie es geschafft, hier auszusagen. Sie wolle jetzt psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Als Siebter wird Herr T. befragt, ein pensionierter Offizier der türkischen Armee. Er war mit seinem in Berlin lebenden Bruder in Köln, das sie als Touristen besuchten. T. wirkt aufgeregt und beginnt seine Aussage mit einer wortreichen Bekundung seiner Liebe zu Deutschland – wie Y. macht er den Eindruck, er wolle jeglichen Verdacht von sich ablenken, bloß nicht wirken, als wolle er Deutschland kritisieren. Er sei nicht böse auf Deutschland, sagt er, und: Er kenne den Terrorismus aus der Türkei.

Was er erzählt, bringt ihn dennoch immer noch sichtlich aus der Fassung. T. und sein Bruder standen auf der Straße am Auto, als die Bombe explodierte. Er berichtet, dass sein Bruder wegen seiner Verletzungen mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde. Er selbst sei sofort vernommen worden. Als die Polizeibeamten seinen Pass mit dem Foto in Offiziersuniform sahen, hätten sie ihn gefragt, ob er etwas „Türken-Ähnliches“ in der Straße gesehen habe. Es ist T. anzumerken, wie unangenehm ihm das folgende Eingeständnis ist: „Die Fragen deuteten darauf hin, dass nur Türken so etwas tun könnten. Damit habe ich nicht gerechnet.“ T. berichtet, dass er mehrfach vernommen wurde, unter anderem warteten Polizisten nach der Rückkehr nach Berlin in der Wohnung seines Bruders.

Von den Angeklagten ist recht wenig zu bemerken. Sie scheinen auf ihren Laptops etwas zu lesen oder Musik zu hören, Beate Zschäpe scherzt von Zeit zu Zeit mit ihrem Anwalt Wolfgang Heer – der sich hin und wieder zu Wort meldet, um eine Pause bittet, einen Zeugen zur Stringenz ermahnen lassen will.

Nur einmal recken die Angeklagten ihre Köpfe: Als der letzte Zeuge, ein Sachverständiger des BKA, ein Video vorführt. Es zeigt die Sprengversuche, mit denen die Sprengkraft der Bombe gemessen werden sollte.

Viel mehr zum NSU-Prozess

http://www.nsu-watch.info/

http://www.nsu-watch.info/prozess/vorschau-prozess/

http://keupstrasse-ist-ueberall.de/

https://initiative6april.wordpress.com/

https://nsurecherche.wordpress.com/

http://www.nsu-nebenklage.de/

http://nsu-tatort-hamburg.org/

https://hajofunke.wordpress.com/rechtsextremismus/nsu-bereich/

http://www.rosalux.de/news/39697/in-die-abgruende-staatlicher-verstrickung-blicken.html

http://einprozess.blogsport.eu/

http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/

http://www.br.de/nachrichten/nsu-prozess/index.html

http://www.tagesspiegel.de/themen/nsu-prozess/

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