Die neuen Deutschen – Ergebnisse vom Bundeskongress „Deutschland neu denken“

Ein derart positiver Bezug auf das Adjektiv „deutsch“ ist außerhalb von nationalistischen Demonstrationen eher selten zu hören: Schon im Namen der Veranstaltung taucht es gleich zweimal auf.

Neue Deutsche Organisationen“ wollen „Deutschland neu denken“ – wer den Hintergrund nicht kennt, könnte hier Angst bekommen. Statt um neues völkisches Denken geht es aber um das Bekenntnis zur Vielfalt, um die Tatsache, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist.

Am Wochenende fand der erste Bundeskongress der „Neuen Deutschen Organisationenstatt – Organisationen von Menschen mit Migrationshintergrund, die fordern, endlich als Deutsche wahrgenommen zu werden. Am Montag, 9. Februar, stellten die Vertreter_innen von vier teilnehmenden Organisationen die Ergebnisse vor.

Zu den 80 teilnehmenden Gruppen gehören alteingesessene Vereine wie die 1985 gegründete ISD (Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland), aber auch so junge Gruppen wie die Neuen Deutschen Medienmacher. Teilweise ist ihre politische Ausrichtung diametral entgegengesetzt, das lässt sich zumindest vermuten: Multitude e.V. als Verein, der ehrenamtlichen Deutschunterricht für Geflüchtete organisiert, und „Deutscher Soldat“ verstehen unter dem Slogan „Deutschland neu denken“ sicherlich ganz unterschiedliche Dinge. Umso erstaunlicher, dass es ihnen gelungen ist, sich auf 13 gemeinsame Forderungen zu einigen.

„We don’t need no integration“, so hieß der beliebteste Workshop auf dem Kongress, erzählt Ferda Ataman von den Neuen deutschen Medienmachern auf der Pressekonferenz. Mitentscheiden statt integriert werden, das ist der Konsens aller Gruppen, die hier vertreten sind. Und die Selbstbestimmung fängt bei der Selbstdefinition an – die Frage nach der „eigentlichen“ Herkunft ist dabei ein wichtiger Punkt. Tahir Della von der ISD macht das sehr deutlich: Trotz seines eindeutig bayerischen Zungenschlags passe er immer noch nicht in das gängige Bild eines Deutschen, sagt er – denn der sei eben weiß. Und auf keinen Fall muslimisch – diese Vorstellung kennt Leila Younes El-Amaire, Vertreterin von JUMA (Jung, Muslimisch, Aktiv).

Die erste Frage aus dem Publikum beweist, wie notwendig diese Klarstellung ist, wie notwendig die wiederholte Erklärung, jeder Mensch solle über die eigene Definition selbst bestimmen dürfen: Denn gefragt wird – allem bisher Gehörten zum Tortz – nach den häufigsten Herkunftsländern der Teilnehmenden. Mit grenzenloser Geduld erläutert Ataman noch einmal, was alle auf dem Podium schon ausgeführt haben: Das Herkunftsland aller Teilnehmenden ist Deutschland.

Notwendig ist auch die Handreichung der Neuen Deutschen Medienmacher (zum Download), die JournalistInnen helfen will, die passenden Formulierungen zu finden. Auch das beweist die Fragestellerin, die von „ganz verwirrten“ Kindergartenkindern berichtet, die von einem Jungen gebeten worden seien, ihn nicht als „Juden“, sondern als „jüdisch“ zu bezeichnen. Klare Überforderung zeigt sich da – und der klare Wunsch, sich nicht bewegen zu müssen.

Wie es genau weitergeht, steht noch nicht fest, erklärt Farhad Dilmarghani von der Initiative Deutschplus, der ebenfalls auf dem Podium sitzt. Die Gründung eines Dachverbands sei möglich, eine offene Plattform, vielleicht schon bald ein zweiter Kongress. Das Interesse ist da: Dreimal so viele wie die 80 vertretenen Organisationen hatten teilnehmen wollen.

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