Besorgte Bürger/Eltern/Bademeister mit nachvollziehbaren Sorgen

Aushang in der evangelischen Kita Bleckede

Aushang in der evangelischen Kita Bleckede

Manchmal bleibt nur die reine Verzweiflung oder Flucht in die Naivität. Angesichts der „besorgten Bürger“, die Schwimmbadverbote für Asylbewerber*innen aussprechen, Bürgerwehren gründen, „Finger weg von deutschen Frauen“ fordern und auch sonst plötzlich all den braunen Mist ausspucken, den sie bisher nur hinter verschlossenen Türen auszusprechen gewagt haben – angesichts dieser Grütze habe ich der Verfasserin des oben abgebildeten Aushangs einen sehr naiven Brief geschrieben. Weiß nicht mal mehr, ob ich meinen eigenen Schreibimpuls nachvollziehbar finde. Ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass ich mal derart für „Toleranz“ plädieren würde. Geht aber anscheinend nicht anders, wenn selbst der menschliche Minimalkonsens aufgegeben wurde.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau *,

 
ich bitte Sie, meine Mail ganz zu lesen, auch wenn Sie vielleicht viele und womöglich auch unfreundliche Mails bekommen haben, nachdem Ihr Aushang bekannt wurde. Mir geht es nicht darum zu pöbeln, sondern um Verständnis. Ich verstehe es nicht.
Ich bin – wie viele Menschen – aufrichtig entsetzt von Ihrem Aushang und auch von der folgenden Stellungnahme der Diakonie. Ich frage mich, welche Werte Sie den Kindern in Ihrer Einrichtung vermitteln möchten? Ich möchte gar nicht unbedingt mit christlichen Werten argumentieren, auch wenn diese für Sie als evangelische Kita sicher von Bedeutung sein sollten. Ich habe aber gedacht, dass Offenheit, eine positive Einstellung gegenüber Vielfalt, eine Ablehnung von Vorurteilen und Zuschreibungen zu den Grundwerten gehören, die Kindern heute vermittelt werden.
Welche „nachvollziehbaren“ Sorgen sind es denn eigentlich, die gegen die Einstellung des Mannes sprechen? Glauben Sie (oder die so genannten besorgten Eltern), dass Syrer/Muslime/Migranten/Geflüchtete/Feindbild selber einsetzen/… häufiger sexuell übergriffig werden? Dass sie nicht mit Kindern umgehen können? Dass sie sie schlagen? Dass sie ihnen die falschen Kinderlieder beibringen? Oder welche Annahme steckt dahinter?
Ich kann mir vorstellen, dass es „Vorbehalte“ bei Menschen gibt, die wenig Kontakt zu Menschen haben, die einen anderen Hintergrund haben als sie selber. Genau diese „Vorbehalte“ führen zu Angriffen auf Notunterkünfte, zu Beschimpfungen, zu Ablehnungen bei der Wohnungs- und wie hier bei der Stellensuche. Ich finde es sehr schade, dass eine Bildungseinrichtung, die eigentlich den Auftrag hätte, solchen Vorbehalten entgegenzuwirken, sie stattdessen unterstützt.
Und was macht eigentlich ein solcher Aushang mit Kindern und Eltern, vielleicht auch Erzieher_innen, die nicht in das Bild von „den Deutschen“ passen? Was lernt ein Kind mit nichtdeutschen Eltern aus so einem Aushang? Dass seinem Papa nicht zu trauen ist? Vielleicht gibt es bei Ihnen auch nur weiße, deutsche Kinder. Umso trauriger, dass ihnen die Chance genommen wird, andere Perspektiven kennenzulernen.
Und noch eine Frage: Was sagen Sie einem Kind, das nicht mit dem Dicken/ dem Kind im Rollstuhl/ dem schwarzen Kind spielen will? Auch Kinder haben Vorurteile, und meiner Meinung nach ist es die Aufgabe einer Kita, sie aufzugreifen, zu verstehen und ihnen entgegenzuwirken. Das geht aber nur, wenn man sich zunächst mit den eigenen auseinandersetzt. Wer keinen Syrer einstellt, weil er Syrer ist, hat kein Argument in der Hand gegen das Kind, das nicht mit dem dicken Kind oder dem Kind mit Down-Syndrom spielen will.
Vielleicht haben Sie ja irgendwann einmal Lust, in Ihrer Einrichtung eine Fortbildung zum Thema „vorurteilsbewusste Erziehung“ durchzuführen. In dem Fall bin ich gern mit Materialien und Kontakten behilflich.
Beste Grüße
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