Busen, Schlitze und Würgreflexe an der Gemüsetheke

„Verwenden Sie jetzt keinen Backofenreiniger! Das kann auch mal Ihr Partner machen.

„Für die Väter ist es eine große Herausforderung: Jetzt müssen sie den geliebten Hobbyraum zum Kinderzimmer umbauen.“

Schwanger zu sein hat mir eine ganze Reihe neuer Erfahrungen eingebracht, auf die ich schlecht vorbereitet war. Ich habe Dinge gelernt, die ich nie vermisst habe und die ich möglichst schnell wieder vergessen werde. Ich wusste weder, dass es Ofenreiniger gibt, noch, dass im Normalfall Frauen* für seine Benutzung zuständig sind – außer in der Schwangerschaft.

Ich wusste nicht, dass alle Männer* einen Hobbyraum haben und lieben sollten und für die Einrichtung (nein, nur die Tapezierung) des Kinderzimmers zuständig sind.

Ich wusste auch nicht, dass Männer* darauf hingewiesen werden müssen, dass sie sich manchmal nach dem Befinden ihrer Partnerin erkundigen sollten. Ich wusste nicht, dass das nur gilt, wenn die Partnerin schwanger ist.

Ich wusste nicht, dass in den Augen von Krankenkassenangestellten angehende Eltern IMMER aus einer Mutter und einem Vater bestehen – und in wenigen Einzelfällen nur aus einer bemitleidenswerten Mutter.

All das habe ich aus den umfassenden Informationsbroschüren gelernt, die die Techniker Krankenkasse mir monatlich zugesendet hat. Ich war meistens belustigt, der Vater des angehenden Kindes beleidigt.

Ich wusste nicht einmal, dass sogar Babywaschlappen, Schnuller und Trinkflaschen in getrennten Varianten für Mädchen und Jungen verkauft werden. Bei jedem Einkauf die Entscheidung: Autos oder Herzchen? Flugzeuge oder Blümchen? Zum Glück musste ich außer den besagten Waschlappen und Schnullern kaum was kaufen, weil wir abgelegte Sachen in Massen geerbt haben – in Rosa, Hellblau und den vielen anderen schönen Farben der Bekleidungsindustrie. „Was, Sie wissen nicht, welches Geschlecht Ihr Kind hat? – Hm, naja, heutzutage kann man ja vieles in Beige kaufen.“ Diesen Tipp der Arzthelferin habe ich nicht beherzigt. Wenn das Kind auf Beige stehen sollte, kann es sich später selber was weben / knüpfen / stricken.

Auch nicht gewusst hatte ich, wie viele Typen gute Tipps bereithalten, falls ihnen mal eine Schwangere über den Weg laufen sollte. „Ist da etwa Alkohol drin? Das ist aber nicht gut für dein Kind!“ „Du weißt schon, dass verrauchte Räume nicht gut für das Ungeborene sind?“ „Du solltest jetzt aber nicht mehr Fahrrad fahren!“

Dass keine Sau mit Schwangeren flirten will, hat mich weniger überrascht. Für potentiell interessierte Frauen war ich unsichtbar, Männer blicken wahlweise angewidert oder verzückt. Wie süß, eine MUTTER!

Inzwischen ist das Kind über ein Jahr alt, ich hatte die seltsam vorsintflutlichen Tipps wieder vergessen und aufgehört zu überlegen, ob die Krankenkasse ihre Zielgruppe unterschätzt oder ich sie überschätze. Da stand der nächste Besuch bei der Ärztin an und im Wartezimmer lagen ein paar hübsche Broschüren der BzGA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Körper und Sexualität, mit Kindern über Sex reden, frühkindliche Sexualität, so was. Schien mir interessant.

Darin: beruhigende Worte für Eltern, deren Sohn sich gern schminkt und Kleider anzieht: kein Grund zur Sorge, geht nämlich vorbei. Ernsthaft? Und wenn nicht? Muss ich das Kind dann zum Heterosexualisierungs-Bootcamp schicken?

Tipps für Eltern von schminkenden Jungs

Auch drin: Tipps für Eltern, deren Sohn wissen will, warum der Penis des anderen Jungen anders aussieht als der eigene. Die empfohlene Antwort: Da unten in der Türkei werden Jungen beschnitten. Und auch in Amerika übrigens. Dass auch beschnittene Kinder fragen könnten, warum an dem anderen Penis so ein schlabbriges Stück Haut hängt, interessiert nicht, genauso wenig wie die Tatsache, dass auch in Jena oder Buxtehude Kinder beschnitten werden.

Weiter: Für das weibliche Geschlechtsorgan hat unsere Sprache leider weniger Worte als für das männliche. Ist halt so, kann man nix machen. Keine Tipps. Nur der Vorschlag, dem Kind zu erklären, dass es einen „Busen“ und eine „Scheide“ hat, dass da nur ein „Schlitz“ zu sehen ist, aber innen drin ganz viel los ist. What? Und dafür drucken die eine Broschüre?

Erziehung zum Mädchen oder Jungen

Gelernt: Wenn das Kind mit Penis zu lange Zeit Kleider trägt, Sorgen machen. Wenn das Kind nach vorhautlosen Pimmeln fragt, auf die Türkei verweisen. Und auf Amerika. Wenn das Kind mit Vagina nach der Vagina fragt, vom Schlitz reden. Voll gut.

Die Sache mit den genau zwei Geschlechtern, geschenkt. Immerhin: die Haare sind es nicht.

Ach so: Um Begehren, Lust oder so was geht es gar nicht in der Broschüre. Vielleicht auch deswegen kommt Homosexualität gar nicht vor.

Und wenn dann doch noch Unklarheit herrscht, in welche Kategorie das Kind denn nun einzusortieren ist, schnell zu Lidl und das passende Buch besorgt. Gleich neben den Tomaten. Wie kamen die damals bloß darauf, so was hier zu verbreiten?

Ein toller Artikel von Barbara Streidl zur Falschbenennung der Vulva ist gerade im Freitag erschienen.

Zitat daraus:

„Dass die Vulva stets als Loch, als Leerstelle, als Fehlen von etwas beschrieben wird, bestätigt die Düsseldorfer Journalistin Mithu M. Sanyal in ihrer Kulturgeschichte Vulva. So wird oft von der Vagina geredet, wenn eigentlich die Vulva gemeint ist. Vulva ist der korrekte Begriff für die äußeren Genitalien, Vagina meint nur die Passage zum Muttermund. Hier lohnt es sich, Latein zu können, erklärt Sanyal. Vagina bedeutet Scheide, das Wort wählten Ärzte im 17. Jahrhundert, um zu beschreiben, ‚wo der Mann sein Schwert hineinsteckt‘: ‚Dass da noch mehr ist, wird mit diesem Begriff absichtlich verschwiegen.'“

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Ein Gedanke zu „Busen, Schlitze und Würgreflexe an der Gemüsetheke

  1. Es hat mir viel Spaß gemacht diesen Beitrag zu lesen. Zu Lidl gehe ich nicht, zu weit weg. Mal sehen, ob Aldi die Kinder auch auf`s Leben vorbereitet. ich bin gespannt.

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