Gerade gelesen: Reinhart Kößler / Henning Melber – Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbewältigung

Im Nachgang zu der Vorstellung des Buches „Die Deutschen und ihre Kolonien“, über die ich geschrieben hatte, wurde mir gleich mehrfach sozusagen als Gegengift der Titel „Völkermord – und was dann?“ empfohlen. Ich habe es gelesen, und tatsächlich: bei dieser Lektüre habe ich tatsächlich viel Neues erfahren.

Die Autoren informieren nicht nur umfassend über den aktuellen Stand der Verhandlungen zwischen der namibischen und der deutschen Regierung zum Umgang mit dem Völkermord an den Herero und Nama, sie zeichnen auch die Hintergründe nach. Wie kam es überhaupt zum deutsch-namibischen Krieg? Welche verschiedenen Momente lassen sich im Ablauf der laufenden Verhandlungen beobachten? Und warum ist es gerechtfertigt, von einem Völkermord zu sprechen? All diese Fragen werden erschöpfend behandelt.

Dass die Ereignisse eindeutig der Völkermord-Definition der UN entsprechen, zeigen die Autoren anhand zeitgenössischer Dokumente auf. So schrieb Lothar von Trotha, Kommandeur der „Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika“, zwei Tage nach seinem Vernichtungsbefehl an den Chef des Generalstabs der Armee, Graf von Schlieffen:

„Es fragt sich nun für mich nur, wie ist der Krieg mit den Herero zu beenden. Die Ansichten darüber bei dem Gouverneur (Leutwein, d.V.) und einigen ‚alten Afrikanern‘ einerseits und mir andererseits gehen gänzlich auseinander. Erstere wollen schon lange verhandeln und bezeichnen die Nation der Herero als notwendiges Arbeitsmaterial für die zukünftige Verwendung des Landes. Ich bin gänzlich anderer Ansicht. Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muß, oder wenn dies durch taktische Schläge nicht möglich war, operativ und durch weitere Detail-Behandlung aus dem Lande gewiesen wird.“

Und auch sein Briefpartner stimmt ihm bei:

„Daß er die ganze Nation vernichten und aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen.“

Die „Vernichtung“ der Herero passierte nicht einfach, sie war das politische Ziel.

Reinhart Kößler und Henning Melber publizieren seit Jahrzehnten zum Thema. Ihr umfangreiches Wissen zum Themenkomplex gereicht dem Buch allerdings nicht immer zum Vorteil. Manchmal führt es dazu, dass sie sich in allzu vielen Details verlieren oder zentrale Fakten mehrfach wiederholen.

Gleichzeitig ermöglicht aber genau dieses Wissen, dass die Leserin den Völkermord als das begreift, was er war: Nicht nur der erste Genozid des 21. Jahrhunderts, sondern auch direkter Vorläufer der NS-Politik der gezielten massenhaften Ermordung von als „rassisch minderwertig“ eingestuften Menschen. Dass bereits Zeitgenoss*innen wie Rosa Luxemburg und August Bebel die Kolonialpolitik kritisierten und auch die Gefahr sahen, dass Repressionspotential mit der Anerkennung der Vernichtungspolitik zuwachsen könnte, zeigen Kößler und Melber ebenso auf wie die Tatsache, dass schon damals befürchtet wurde, diese neue Brutalität werde keine Ausnahmeerscheinung bleiben. Den Wirtschaftshistoriker Moritz Julius Bonn zitieren sie mit den bereits 1909 in der Frankfurter Zeitung gedruckten Worten:

„So lange es […] noch Leute gibt, die eine solche Politik für eine naturnotwendige halten, besteht die Gefahr, dass sie auch einmal an anderen Stellen zur Anwendung kommen könnte. Wenn die Fehler der Trotha’schen Kolonialpolitik sich theoretisch verklären lassen, dann wird uns nichts vor ihrer Wiederholung schützen.“

Wohltuend ist insgesamt die bedachte Wortwahl der Autoren. Sie sprechen von „kolonialer Fremdherrschaft“ und von „rigoroser Niederschlagung der antikolonialen Widerstandsbewegungen“ anstatt, wie so häufig zu lesen, von „Deutschen Schutzgebieten“ und von „Aufstandsbekämpfung“.

Das Vorwort zum Buch hat die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul geschrieben. Sie hatte im August 2004 an der Gedenkfeier 100 Jahre nach dem Genozid teilgenommen – und um Vergebung gebeten. Sie hatte damals auch den Völkermord als solchen benannt, was im Anschluss von Regierungsseite als ihre persönliche Einschätzung abgetan wurde. Die Enttäuschung in Namibia über das bisherige Ausbleiben einer Entschuldigung, die große Bedeutung auch der symbolischen Ebene – unabhängig von der finanziellen Entschädigung, aber auch die Debatten zwischen den Vertreter*innen der namibischen Regierung und Minderheitenvertreter*innen stellen Kößler und Melber sehr nachvollziehbar dar. Dabei positionieren sie sich sehr deutlich und treten immer wieder für ein Umdenken in der Vergangenheitsbearbeitung ein.

Dass dazu bereits einiges an Vorarbeit von Aktivist*innen und Organisationen in Deutschland und in Namibia geleistet wurde, zeigen sie in einem letzten Kapitel, das auch Handlungsanregungen enthält.

Fazit: Unbedingt geeignet für ein Präsentation in der Berliner Landeszentrale

Reinhart Kößler / Henning Melber

Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung

Vorwort von Heidemarie Wieczorek-Zeul

1. Aufl. 2017

176 S., 19,90 Euro

ISBN 978-3-95558-193-0

 

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